Dickdarmkrebs vorbeugen mit Joghurt?


Prävention - Noch ist der Weg zum Joghurt gegen Darmkrebs lang

 

Darmbakterien können das Wachstum von Darmkrebs fördern, wenn sie schadhafte Stellen der Darmschleimhaut durchdringen und unkontrolliertes Zellwachstum auslösen. Forscher haben jetzt wichtige Teile der Signalkette entschlüsselt, die dazu führt; ihre Ergebnisse sind nun in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlicht worden.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) kann diese Forschung neuen Ansätze zur Prävention von Darmkrebs liefern. Die Befunde sind kürzlich auf einer Veranstaltung der DGVS in Berlin diskutiert worden.

 

Die Schleimhaut des Darms erneuert sich fortwährend. Denn von der Darmoberfläche schilfert ständig Zellmaterial ab, sodass sich aus der Tiefe neue Schleimhautzellen nachbilden müssen. Diese erwachsen aus Stammzellen, die sich in verschiedenste Zelltypen ausdifferenzieren können. Dass sich Stammzellen so häufig teilen, birgt Risiken: Beim Kopieren des Erbmaterials kommt es zu Fehlern. Diese „Mutationen” wiederum können unkontrolliertes Zellwachstum und damit Darmkrebs verursachen. „Während bislang davon ausgegangen wurde, dass genetische Mutationen das bestimmende Element im Wachstum von Darmkrebs sind, deuten aktuelle Daten auf eine überraschende Rolle von Darmbakterien in diesem Prozess hin“, sagt Professor Sebastian Zeißig vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden. Wie das funktioniert, hat der Gastroenterologe zusammen mit einem internationalen Forscherteam untersucht.

Bereits in frühesten Stadien von Darmkrebs komme es zu einer Störung der Barrierefunktion des Darms, so dass Bakterien in die Schleimhaut eindringen könnten, beschreibt Zeißig. Wenn die Tumorzellen die eingewanderten Bakterien erkennen, löst dies eine entzündliche Signalkette aus, die aktiv zum Tumorwachstum beiträgt. Eine zentrale Rolle spiele hierbei das Zelleiweiß Calcineurin. „Unsere Experimente zeigen, dass die Bakterien Calcineurin in den Stammzellen aktivieren“, berichtet Zeißig. „Calcineurin wiederum aktiviert Steuergene, die im Zellkern die genetischen Weichen auf eine vermehrte Zellteilung stellen.” Das habe möglicherweise relevante Implikationen vor allem für die Prävention von Darmkrebs. So habe gezeigt werden können, dass Antibiotika in Mäusen das Wachstum von Darmkrebs deutlich reduzieren könnten („Nature Medicine“).

Antibiotika sind aufgrund ihrer Nebenwirkungen und des mehrjährigen Wachstums von Darmkrebs natürlich keine geeignete Maßnahme zur Prävention. Man wisse aber, „dass sich im Bereich von Darmpolypen und Darmkrebs bestimmte Bakterien anreichern, die die angesprochenen Entzündungsvorgänge ganz besonders stimulieren“. Hier sei denkbar, so Zeißig, dass man beispielsweise durch Probiotika, das heißt durch „gute“ Bakterien eben diese krebsfördernden Bakterien verdränge. Darüber hinaus wäre vorstellbar, probiotische Bakterien so zu verändern, „dass sie Botenstoffe freisetzen, die krebsfördernde Entzündungsprozesse hemmen. Diese Strategien testen wir aktuell im Labor. Ich denke insofern, dass zukünftige Strategien zur Darmkrebsvorsorge in gezielter Weise Darmbakterien als therapeutische Vehikel nutzen könnten“. So sei denkbar, „dass der Joghurt der Zukunft vielleicht bereits die Entstehung von Vorstufen von Darmkrebs blockieren könnte. Aber hiervon trennen uns sicher noch 20 bis 30 Jahre intensiver Forschung“.

In Deutschland erkranken jedes Jahr mehr als 62.000 Menschen an Darmkrebs. Mit circa 25.000 Krebstodesfällen pro Jahr ist Darmkrebs - nach dem Lungenkrebs - auch eine der führenden Ursachen für die Krebssterblichkeit. Die neuen Erkenntnisse bieten laut DGVS Ansätze im Kampf gegen die Krankheit. So könnten Darmbakterien vielleicht so verändert werden, dass sie Eiweiße bilden, die diesen Signalweg gezielt hemmen. Solche Probiotika könnten vorbeugend eingesetzt werden, um die Entstehung von Darmkrebs zu verhindern, so der Dresdener Gastroenterologe.

 

Quelle: Ärztenachrichtendienst Mo, 11.07.2016